Dr. Hildegard Kurt

Rede anlässlich der Vernissage am 8. März 2016

Auf den ersten Blick mag es verwegen, ja vermessen erscheinen, Martin R. Wohlwends Kunst-Installation mit einer Ikone der Klassischen Moderne zu vergleichen – mit Kasimir Malewitschs Gemälde Das Schwarze Quadrat. Doch ergeben sich daraus aufschlussreiche Perspektiven.

Vor fast genau 100 Jahren erstmals ausgestellt, beinhaltet dieses Bild nichts als ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund. Entstanden ist es zu einer Zeit, als mit dem Ersten Weltkrieg, mit einem ungezügelten Industriekapitalismus und den Vorboten der sozialistischen Revolutionen ähnlich wie heute das ganze gesellschaftliche Gefüge in Umwälzung, Sturz und Wandel geraten war. Die Künstler der historischen Avantgarde antworteten hierauf, indem sie den überkommenen Normenkanon westlicher Kunst, der technisches Raffinement verlangte, komplett hinter sich ließen. Durch Reduktion auf komplexe Einfachheit, das Signum abstrakter Malerei, suchte man zu einer neuen Dichte des Ausdrucks zu gelangen. Wie nicht zueletzt Wassily Kandinskys Schrift Über das Geistige in der Kunst bezeugt, zielte jene radikale formalästhetische Reduktion auf nichts weniger als die Überwindung des damals bereits vorherrschenden Materialismus.

Auf den Vorwurf der zeitgenössischen Kulturkritik, das Schwarze Quadrat sei ein »Nichts«, entgegnete Malewitsch einmal: »Später wollen wir auch über Nichts hinausgehen«. Wenn, was angenommen werden darf, mit »wir« die Künstlerschaft gemeint ist, lässt sich fragen: Ob wohl Malewitsch in aus dem Gleichgewicht ein »Hinausgehen über Nichts« sehen würde?

 

Ein Gegenraum zu den herrschenden Verhältnissen

Heute ist die Welt im Vergleich zum Beginn des letzten Jahrhunderts noch weitaus existenzieller und globaler aus dem Gleichgewicht geraten – zur Veranschaulichung genügen Stichworte wie die Klimakrise, die Verknappung von Trinkwasser und fruchtbarem Boden oder die weltweiten sozialen Entwurzelungen. Vor diesem Hintergrund haben wir mit Martin R. Wohlwend einen Künstler, der, ähnlich wie einst die historische Avantgarde, den Weg formalästhetischer Reduktion beschreitet, indem er sämtliche Wände des Kunstraums völlig leer lässt – und das als ausgebildeter Maler. Steht die Tatsache, dass Wohlwend lange überwiegend abstrakt und viel in Schwarz-Weiß gemalt hat, in Zusammenhang damit, dass er nun mit aus dem Gleichgewicht aus der Zweidimensionalität der Leinwand in die Dreidimensionalität des Raumes führt? Auch diese Frage möge einstweilen offen bleiben.

Kunst, so heißt es oft, sei entweder Abbild oder Gegenbild herrschender Verhältnisse. Wohlwend schafft kein Gegenbild, sondern einen Gegenraum. Wobei diesem Gegenraum drei Komponenten zugrunde liegen: zum einen die hier sinnlich manifeste Installation. Zweitens die soziale Interaktion mit den Leihgebern der Teppiche. Und schließlich die Teppich-Dialoge, die eine künstlerische Qualität von Kommunikation und sowie Ko-kreativität als Ressource für gesellschaftlichen Wandel erkunden.

Mit dem Verzicht auf das Präsentieren der eigenen Malerei wie auch mit seinem partizipativen, integrativen Charakter ist das Werk als Ganzes von einer bemerkenswerten Zurücknahme des künstlerischen Selbstausdrucks, des künstlerischen Egos geprägt. In einer Kunstszene, die heute mehr denn je den Gesetzen des Kapitalismus folgend auf den Künstler als »ausgezeichnetes Individuum« (Wolfgang Max Faust) und auf klar abgrenzbare Urheberschaft zugunsten der Vermarktung setzt, wird dies Unverständnis und Irritation erzeugen.

Das nimmt Wohlwend in Kauf. Denn er will mehr als Selbstprofilierung. Aus dem Gleichgewicht möchte erfahrbar werden lassen: Das Alltagsbewusstsein nimmt nur einen kleinen Teil dessen wahr, was ist. Und die große, lebendige Wirklichkeit, aus der dieser Ausschnitt hervorgeht, wartet darauf, erkundet zu werden. Sie wartet darauf, dass jeder Mensch sich der Fähigkeit und Aufgabe bewusst wird, das, was ist, frei und verantwortlich mitzugestalten. Damit was zugrunde zu gehen droht, überhaupt erst beginnen kann.

 

Nicht Symbol, sondern Verkörperung

Betrachten wir nun die Bestandteile dieses Werkes im Einzelnen, beginnend mit der physisch manifesten Raum-Installation. Die Begegnung mit ihr setzt beim Ausziehen der Schuhe im Vorraum ein. Hierbei bücken wir uns gewöhnlich, gelangen in eine Haltung der Demut. Sich dann ohne Schuhe in einem öffentlichen Raum, noch dazu mit anderen Menschen zu bewegen, löst Gefühle der Schutzlosigkeit und Verletzlichkeit aus. Überdies sind Schuhe Statussymbole. Sie hinter sich zu lassen ist ein wenig, als streife man eine Rolle ab oder trete von einem Podest. Auf in der Öffentlichkeit ungewohnte, allenfalls aus Moscheen bekannte Weise werden Menschen ohne Schuhe gleichwertig und kommen von da aus unmittelbar in Berührung mit dem, was ist. Alle in diesem Raum bleiben buchstäblich »auf dem Teppich«.

Doch bevor der Raum sich öffnet, gilt es, eine Art Schleuse oder Labyrinth zu passieren. Einerseits ist der Boden dort mit einem roten Teppich, Zeichen der Ehrerbietung, ausgelegt. Zugleich aber sieht man sich einem Unüberschaubaren ausgesetzt. Plötzlich ist das unmittelbare Umfeld nicht mehr kontrollierbar, an den verengten Wendepunkten des Eingangs muss mit unvorhersehbaren, unausweichlichen Begegnungen gerechnet werden. Das kann an soziale Ängste rühren. Bezeichnenderweise wurzelt unser Wort Angst in lateinisch angus, »eng«. So haben wir es im Eingangsbereich mit einer Schwellensituation zu tun: einem Terrain, auf dem die Automatismen und abschirmenden Mechanismen, mit denen wir sonst unterwegs sind, nicht mehr greifen. Schwellen sind eine Einladung, sie zu überschreiten. Oder man läuft weg. Das gilt wohl besonders für innere Schwellen.

Der Raum selbst, wie er sich dann vor einem auftut, mit allem, was es in ihm zu entdecken und zu erfahren gibt, hat in seiner Gesamtwirkung ein überaus spannendes Charakteristikum, das sich jedoch erst allmählich erschließt, nämlich: Er ist kein Symbol für die aus dem Gleichgewicht geratene Welt. Anders als zum Beispiel die Eieruhr, die Vergänglichkeit symbolisiert, die rote Fahne, die für Kommunismus steht oder die weiße Lilie, die die Jungfräulichkeit der Gottesmutter symbolisiert, steht dieser Raum nicht für etwas anderes, sondern er ist etwas. Er verkörpert eine Sphäre, die, da im Kern menschlicher Existenz, an sich immer präsent ist, aber im allgegenwärtigen, medial verstärkten Getöse von Informationen, Meinungen und Theorien zum Zustand der Welt kaum je irgendwo Platz findet.

Mit seiner gestörten, verstörenden Statik seiner so eigenen Anmutung und seiner auf keine Deutung festlegenden Offenheit tut sich in diesem Raum auf subtile Weise die Sphäre lebendigen Wahrnehmens auf. Indem der Raum uns auf uns selbst zurückwirft, können wir zu einem Nullpunkt finden, von dem aus veritable Begegnungen möglich werden – mit einem selbst, mit anderen, mit dem, was ist. Aus solchem verlebendigenden Wahrnehmen erwächst Bewusstheit.

Im Zusammenhang mit dem Ausziehen der Schuhe ist bereits das Wort Moschee gefallen. Könnte es sein, dass sakrale Räume, wie es sie quer durch die Kulturen und Zeiten gibt, ob Höhle, Tempel, Kathedrale oder Moschee, immer auch physische Manifestationen des inneren Raumes in jedem Menschen sind, worin das, was die Welt lebendig hält, zu Bewusstheit gelangen will? Bewusstheit ist immer schöpferisch und immer transformativ. Aus dem Gleichgewicht lädt dazu ein, gemeinsam Bewusstheitskunst in die Welt zu bringen. Denn wie sonst könnte, wenn überhaupt, heute noch eine Zukunft mit Zukunft entstehen?

 

Vertrauen als Ressource für gesellschaftlichen Wandel

Kommen wir nun zum zweiten Bestandteil des Werkes – zur Interaktion mit denen, die einen Teppich dafür zur Verfügung stellen. Jede Leihgeberin, jeder Leihgeber hat eine ganz persönliche Beziehung zum eigenen Teppich, und wir alle erleben hier augenfällig, wie Persönliches einem Transpersönlichen zum Entstehen verhilft. Die dem zugrunde liegende Geste ist die der Gabe. Geben braucht und stiftet Vertrauen. In der heutigen Welt Vertrauen zu schenken zeugt von einem Willensakt außerhalb der Koordinaten des kapitalistischen Systems. Damit macht die Präsenz all dieser Gaben aus privaten Haushalten in einem öffentlichen Raum Vertrauen als Ressource für gesellschaftliche Transformation erkennbar.

Überhaupt führen die vielschichtigen Interaktionen im Zusammenhang mit der Teppichgabe auf das Spannungsfeld von öffentlich und privat, von individuell und gemeinschaftlich – mithin auf das Feld des Sozialen, der Wirtschaft und der Politik. Die Wirkung, die von der Fülle und Vielfalt der Teppiche in diesem Raum ausgeht, vermittelt einen Vorschein von Gesellschaften, denen es vielleicht einmal möglich werden könnte, soziale, kulturelle, religiöse Vielfalt und Differenz in ein lebensdienliches Ganzes zu integrieren. Und das farbenreiche, aber durchaus auch spannungsvolle Miteinander auf dem Boden lässt sich in Beziehung zu Wirtschaftsformen setzen, die unter Bezeichnungen wie Gemeinwohl-Ökonomie, Postwachstumsökonomie oder, mit dem Vordenker Charles Eisenstein gesprochen, als Ökonomie der Verbundenheit nicht mehr auf ein Mehr an Profit, sondern auf ein Mehr an geteilter Lebendigkeit aus sind.

 

Den Nullpunkt durchschreiten

Wenden wir uns von hier dem dritten Bestandteil des Werkes aus dem Gleichgewicht zu: den »Teppich-Dialogen«, an deren Entstehen mitzuwirken ich die Ehre hatte und habe. Sie sind von der Idee der »Sozialen Plastik«, wie Joseph Beuys sie vorschlug, inspiriert. Die Soziale Plastik beinhaltet ein erweitertes Verständnis von Kunst, wonach jeder Mensch sich potenziell als Künstler verstehen darf – als fähig und berufen, kreativ mitzuwirken am Umgestalten der zahllosen Deformationen, mit denen wir es heute in allen Lebens- und Arbeitsbereichen zu tun haben. Der Erweiterte Kunstbegriff kann als groß angelegter Versuch angesehen werden, jenen formalästhetischen Nullpunkt, den, siehe Malewitschs Schwarzes Quadrat, die historische Avantgarde mit ihrem Gang in die Abstraktion anstrebte, zu durchschreiten.

Jenseits des Nullpunkts beginnt, so die Idee der Sozialen Plastik, ein Feld, das Beuys mit dem Ausspruch »das Atelier ist zwischen den Menschen« umschrieb. Dorthin laden die Teppich-Dialoge ein. Sie laden dazu ein, gemeinsam einen verlebendigenden, schöpferischen Austausch zu erkunden oder, mit anderen Worten, eine künstlerische Qualität von Kommunikation.

Gehalten und impulsiert vom sinnlichen Wahrnehmen hier in diesem Erfahrungsraum handeln die Teppich-Dialoge nicht etwa davon, über die aus dem Gleichgewicht geratene Welt zu diskutieren, wie es in den Medien, Talkrunden und Debattierclubs geschieht. Stattdessen schaffen die Dialoge mit kreativen Strategien wie dem »aktiven Zuhören«, der »aktiven Stille« oder einem »betrachtenden Sprechen« einen neuartigen Wir-Raum jenseits von Individualismus auf der einen und Kollektivismus auf der anderen Seite: Dort erwächst aus gemeinsamem Reflektieren und Imaginieren Ko-Kreativität.

Als Portal in dieses »Atelier zwischen den Menschen« werden Fragen dienen, zum Beispiel die Frage: Wie kann das Neue in die Welt? Neues meint hier nicht marktgängige Innovationen, nicht neue Spielarten des Kapitalismus oder neue technische Vereinnahmungen, sondern Formen eines menschenwürdigeren Miteinanders.

Kategorien wie »Begleitprogramm« und »Publikum« greifen bei den Teppich-Dialogen zu kurz. Denn hier sind alle Gestaltende. Alle wirken mit an einem fortwährend entstehenden, sich entfaltenden Werk, das letztendlich, weit über den Kunstraum Engländerbau hinaus, nach zukunftsfähigen Formen des Lebens und Wirtschaftens auf diesem Planeten sucht.

Wir dürfen, wenn wir ab dem Wochenende hier zu Teppich-Dialogen zusammenkommen, gewiss sein, dass es derzeit überall auf der Welt zunehmend Akteure des Wandels gibt, die auf ähnliche Weisen aus einem achtsamen, kreativen Austausch heraus wünschenswerte Zukünfte erschließen. Mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an das tunesische »Dialog-Quartett« im letzten Jahr ist dies erstmals in die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit gerückt.

 

Ein neues Gewebe Zukunft stiftender Lebendigkeit

Die Komplexität der derzeitigen globalen Schieflagen dürfte das, was Masterpläne vermögen, weit übersteigen. Aber könnte es vielleicht sein, dass aus immer mehr kleinen evolutionären Zellen von der Art, wie sie hier im Kunstraum Engländerbau zusammenfinden, dass aus immer mehr gemeinsam nach Bewusstheit strebenden Menschen ein neues Gewebe von Lebendigkeit entsteht? Jenseits der derzeitigen politischen und religiösen Verhärtungen? Jenseits der ökonomischen Verdinglichungen?

Der Poet und Sufi-Mystiker Rumi verwies bereits im 13. Jahrhundert auf diese Möglichkeit, indem er mit ermutigender Gewissheit erklärte: »Draußen hinter unseren Ideen von rechtem und falschem Tun liegt ein Acker. Wir treffen uns dort«.

Martin R. Wohlwends Werk aus dem Gleichgewicht lädt dazu ein, sich in schwierigem Gelände auf den Weg dorthin zu begeben.