Die Installation »aus dem Gleichgewicht« des Liechtensteiner Künstlers Martin R. Wohlwend birgt im Kern drei Komponenten, nämlich eine sinnlich-visuell wahrnehmbare, eine gesellschaftlich-partizipatorische und eine immateriell-geistige, die von Dialogen getragen wird.

Mit diesen drei Elementen schafft der Künstler einen Raum, der dafür steht, etwas über die „aus dem Gleichgewicht“ geratene Welt zu erfahren und Beiträge zur Auslotung dieses Ungleichgewichtes zu entwickeln.

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Es soll sowohl über Gründe nachgedacht werden, welche in der Welt ein Ungleichgewicht erzeugen, als auch zum aktiven Dialog über Themen wie Tradition, Privatsphäre, Kapitalismus, Religion, Politik, Wirtschaft, Soziologie, Philosophie, Mythologie und nicht zuletzt Kunst anregen.

Herzstück des visuellen Teiles des Projektes sind ausgelegte Teppiche, die aus privaten Haushalten aus Liechtenstein und der Region stammen. Nicht nur die Installation, sondern auch der Prozess und der Austausch mit den beteiligten Personen aus allen Schichten der Bevölkerung, um diese Installation zu verwirklichen, ist ein Teil des Dialogs, welcher durch das Zusammentragen der Teppiche erzeugt wird. Der Teppich als nicht mehr wahrzunehmendes Objekt im Haus nun zum Kunstobjekt im Kunstraum umfunktioniert, bietet eine neue Perspektive und Wahrnehmungsmöglichkeit für die Betrachter. Hier geht es sowohl um Kommunikation als auch um Intimität, wobei die Gegenüberstellung von Privatheit und Öffentlichkeit ein wesentlicher Teil der Ausstellung ist.

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Die Gestaltung dieses Raums ist jedoch nicht statisch. Während der gesamten Ausstellungsdauer wird sich der Raum mehrmals durch Hinzufügen und Bewegen der Teppiche verändern. Diese Umgestaltung kann die Handschrift des Künstlers wie auch jene der Besucher tragen. Somit ist der Raum nicht als fertiges Objekt oder Kunstwerk zu verstehen, sondern ist einem immer währenden Veränderungs- und Erneuerungsprozess unterlegen.

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Dritte Komponente ist ein von der Berliner Kulturwissenschaftlerin Dr. Hildegard Kurt begleiteter intensiver Dialogprozess nach Joseph Beuys’ Prinzip »Jeder Mensch ein Künstler«. Eine Reihe von Gesprächsforen während der Ausstellung steht für einen „neuen“ Austausch jenseits des üblichen Debattierens und Diskutierens, jenseits von Meinungen, Theorien und Positionen.

Durch das Zusammenwirken und Ineinanderfliessen der Kunst-Installation und den Teppich-Dialogen entsteht ein Labor der „Sozialen Plastik“. Ein neutraler Raum, in dem vorurteilsfrei nach Zukunft schaffenden Verbindungen zwischen Freiheit und Verantwortung – für das Individuum wie auch für die Gemeinschaft – nachgedacht und zur Umsetzung zukunftsfähiger Strategien in der Lebens- und/oder Arbeitspraxis angeregt werden kann.

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Martin R. Wohlwend (geb.1969) ist Initiator, Urheber und Kurator dieses Kunstprojekts. Wohlwend lebt in Liechtenstein, studierte Kunst in den USA und in China und unterrichtet Malerei an der Kunstschule Liechtenstein. Aus der Malerei kommend, gilt sein Hauptinteresse heute der transformativen Kraft partizipatorischer Installationen, mit denen er Schieflagen in der Gesellschaft beleuchtet und gleichzeitig Lösungswege erforscht.

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